Ökologische Kommunikation und Soziologie des Risikos nach Luhmann am Beispiel der Covid-19 Pandemie

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von Daniel Stich und Şermin Güven-Griemert

Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann (1927-1998) entwarf eine Theorie, die jeden Bereich der Gesellschaft erklärbar machen sollte. Dabei legt er besonderen Wert auf Kommunikation als Modus, durch den sich Systeme gemäß ihrer eigenen Logik der Komplexitätsreduktion konstituieren und aufrecht erhalten. Mit Blick auf die Covid-19 Pandemie, wird im Folgenden seine Theorie der Ökologischen Kommunikation ausgeführt und sein Risikobegriff dargestellt. Lesenden sollen auf diese Weise eine Möglichkeit erhalten, sich eine Vorstellung von seiner Blickweise auf die Ereignisse unserer Zeit zu bilden.

Zur Person Niklas Luhmann[Bearbeiten]

“Bei meiner Aufnahme in die 1969 gegründete Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld fand ich mich konfrontiert mit der Aufforderung, Forschungsschwerpunkte zu benennen, an denen ich arbeite. Mein Projekt lautete damals und seitdem: Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine." [1]

Der 1927 geborene und 1998 verstorbene Niklas Luhmann erlangte mit seinem Lebenswerk, einer Systemtheorie der Gesellschaft Weltberühmtheit in der Soziologie. Dabei war er von Haus aus eigentlich kein Soziologe sondern Jurist und arbeitete nach dem zweiten Staatsexamen zunächst am Oberverwaltungsgericht Lüneburg und im niedersächsischen Kultusministerium. Für ein Ergänzungsstudium besuchte er 1960/61 die Harvard University, wo er Talcott Parsons kennen lernte. Diese Begegnung sollte ihn nachhaltig prägen; wenige Jahre später, 1964, erschien Luhmanns erster grundlegender Beitrag, funktionale Methode und Systemtheorie, zu seinem spezifischen Ansatz der Systemtheorie. Dass Luhmann in der Entwicklung seiner Theorie dabei von seiner Vergangenheit geprägt war und verwalterisch vorgegangen ist - seine Gedanken bspw. in Zettelkästchen sortiert und vor allem theoretisch gearbeitet, eben viel gelesen und geschrieben hat, hat zum besonderen Charakter seines Werks als Synthese vieler verschiedener Theorien sicherlich beigetragen. Luhmann hat nach Funktionen, Differenzen und Schablonen gefragt und so eine Systemtheorie der Gesellschaft entwickelt. [2]


Grundlagen der Luhmann’schen Systemtheorie[Bearbeiten]

Während der systemtheoretische Ansatz von Talcott Parsons akteurzentrisch geprägt war, also danach fragte welche Funktionen die einzelnen Elemente eines Systems für dessen Struktur und Erhalt hatten, stellte Luhmann die Strukturen und Systeme selbst in den Mittelpunkt seiner Theorie. Nicht minder funktionalistisch, aber weitaus weniger normativ als Parsons Systemtheorie, entstehen und entwickeln sich im Luhmann’schen Verständnis Systeme, um Komplexität zu reduzieren. Die Welt ist komplex und eben in der Reduktion der Komplexität auf differente Strukturen und binäre Codes, kurz gesagt auf einen simplen Sinn, ermöglichen Systeme soziales Handeln.

Indem er den Fokus auf diese Systeme legt und sie als den einzelnen Elementen und ihren Interaktionen übergeordnete Determinanten begreift, begegnet Luhmann dem Problem, dass der “Gesamtablauf und das Funktionieren großer (sozialer) Systeme [...] sich nicht allein aus der Analyse seiner Teileinheiten [...] hinlänglich verstehen und erklären [lässt] - das Ganze ist eben mehr als die Summe seiner Einzelteile.” [3] Erst durch die Analyse der Systeme in ihrer Ganzheit, ihrer jeweiligen Funktionen und Zusammensetzung lassen sich Rückschlüsse auf soziale Situationen, Sachlagen und Realitäten schließen. Nach Luhmann fungieren solche Systeme autopoietisch, d.h. sie grenzen sich von ihrer Umwelt ab, indem sie ihre eigenen ‘Regeln’ in Form binärer Codes (z.B. System Politik: Macht/keine Macht) zur Komplexitätsreduktion erzeugen und sich und ihre Elemente im Rahmen dieser Regeln organisieren und reproduzieren.[4]

Eine besondere Rolle in diesem selbstreferentiellen Operieren sozialer Systeme kommt hier der Kommunikation zu, die Luhmann nicht als Verständigung zwischen zwei Personen versteht, sondern im Sinne ihres abstrakten Charakters begreift, also Verständnis und entsprechende Anschlussfähigkeit im Form von weiterer Kommunikation in den Blick nimmt. So treten für Luhmann’s “Theorie funktional differenzierter sozialer Systeme [...] hier Prozesse des selbstbezüglichen Operierens sozialer Systeme mittels generalisierter Kommunikationsmedien und ausdifferenzierter Codes und Programme in den Blick.” [5]

Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? (1986)[Bearbeiten]

Kontext zum Werk: Luhmanns Werk kann als eine Einführung zu seiner Systemtheorie verstanden werden. Erschienen ist das Werk parallel im selben Jahr der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986. Im gleichen Jahr erschien auch von dem deutschen Soziologen Ulrich Beck das Werk Risikogesellschaft. Ebenso wie Beck [6] sieht die in den 1980er Jahren zunehmend bedeutende ökologische Bewegung ökologische Probleme als gesellschaftlich begründet. Dahinter steht eine Dichotomie, die Gesellschaft als Täter und die Natur als Opfer versteht: es wird festgestellt, dass ökologische Probleme bestehen und Menschen dafür verantwortlich sind - daher soll eine Lösung in eine Veränderung der Gesellschaft liegen.

Auch für Luhmann ist klar, dass diese Probleme real sind und durch die Gesellschaft ausgelöst werden:

„Auf sehr verschiedene Weise fühlt die heutige Gesellschaft sich durch Effekte rückbetroffen, die sie in ihrer Umwelt selbst ausgelöst hat. Man denke an den zunehmend raschen Verbrauch nicht wiederherstellbarer Ressourcen, also auch (selbst wenn dies gelänge) an die zunehmende Abhängigkeit von selbsterzeugten Substituten; ferner an die Reduzierung der Artenvielfalt als Voraussetzung weiterer biologischer Evolution; sodann an die jederzeit mögliche Evolution medizinresistenter, also nicht mehr bekämpfbarer Krankheitserreger; weiter an die bekannten Probleme der Umweltverschmutzung; und nicht zuletzt: an die Überbevölkerung des Erdballs. All dies sind heute Themen gesellschaftlicher Kommunikation. Wie nie zuvor alarmiert die heutige Gesellschaft sich selbst […]" [7]

Zudem war aus seiner Sicht die Soziologie auf diese Situation unvorbereitet, denn sie beschäftigte sich bisher mit innergesellschaftlichen Perspektiven und hatte seit ihrer Begründung die Natur den Naturwissenschaften überlassen [8].

Allerdings sieht Luhmann die “Selbst-Alarmierung” der Gesellschaft kritisch. Er stellt fest, dass es seit den 1960er Jahren ein zunehmendes gesellschaftliches Bewusstsein für Umweltproblematiken gebe, die Gesellschaft sich aber selbst alarmiere, ohne über ausreichende kognitive Mittel der Prognose und Praxisanleitung zu verfügen.[9] Es gebe keine Roadmap für einen rationalen Umgang und einer sinnvolle Lösung ökologischer Probleme. Die Theoriediskussion über Ökologie hat laut Luhmann starke Defizite und es würde versucht dies mit moralischem Eifer zu kompensieren. Eine neue Umweltethik wird von vielen gefordert:

"Die Absicht der Demonstration guter Absichten bestimmt die Formulierung der Probleme. So diskutiert man aufs Geratewohl über eine neue Umweltethik, ohne die Systemstrukturen zu analysieren, um die es geht." [10]

Die eigene Gesellschaft werde heftigster Kritik ausgesetzt und mit Interventionsforderungen überzogen, als ob sie kein System wäre. [11] Die Problematik ökologischer Probleme lässt sich nicht allein auf Probleme des Gesellschaftssystems zurückführen, da hierbei externe Probleme kaum beachtet werden, obwohl jedes Systemproblem letztlich auf der Differenz von System und Umwelt zurückzuführen ist. [12]

Warum eine Ökologische Problemlösung so schwer ist, erklärt Luhmann anhand der Komplexität der modernen Gesellschaft und der zentralen Bedeutung von Kommunikationsfähigkeit.

"Die Gesellschaft besteht aus nichts anderem als aus Kommunikationen, und durch die laufende Reproduktion von Kommunikation durch Kommunikation grenzt sie sich gegen eine Umwelt andersartiger Systeme ab. Auf diese Weise wird durch Evolution Komplexität aufgebaut." [13]

Für ihn basiert die moderne Gesellschaft auf Kommunikation und ist in unterschiedliche Funktionssysteme (Wirtschaft, Wissenschaft, Politik etc.) ausdifferenziert. Diese Subsysteme wiederum unterscheiden sich durch das Medium und den daraus folgenden Code ihrer Kommunikation. Für Luhmann operieren alle diese Subsysteme nach einem binären Code bzw. Sprache.

  • Das Medium der Wirtschaft ist Eigentum und Geld, ihr binärer Code unterscheidet zwischen Haben/Nichthaben.
  • Das Medium der Wissenschaft ist wissenschaftliches Erkenntnis, ihr binärer Code unterscheidet zwischen wahr/unwahr.
  • Das Medium der Politik ist Konkurrenz um Macht und öffentliche Ämter, ihr binärer Code unterscheidet Regierung/Opposition.

Ein zentrales Problem ist die Kommunikationsfähigkeit der verschiedenen Funktionssysteme untereinander und ähnliche Schwierigkeiten bestehen in der ökologischen Kommunikation. Da laut Luhmann ökologisches Bewusstsein nicht direkt zu einer wirksamen gesellschaftlichen Kommunikation führt kann die Lösung von Umweltproblemen nicht in neuen Wertvorstellungen liegen:

"Erst wenn, aus Gründen, die nicht einem Bewußtsein zugerechnet werden können, ökologische Kommunikation in Gang kommt und die Autopoiesis gesellschaftlicher Kommunikation mitzubestimmen beginnt, kann erwartet werden, daß Themen dieser Kommunikation mehr und mehr auch Bewußtseinsinhalte werden". [14]

Eine Theorie der Gesellschaft muss sich an der Differenz von Gesellschaftssystem und Umwelt orientieren. Solange gesellschaftlich nicht darüber kommuniziert wird, spielen Fakten wie Waldsterben, Verschmutzung keine Rolle - sie erzeugen nicht automatisch Resonanz.[15] Kommunikation ist eine exklusiv gesellschaftliche Operation - die Umwelt des Gesellschaftssystems hat aber keine Möglichkeit, mit ihm zu kommunizieren, sie kann es nur irritieren:

"Die Umwelt kann sich nur durch Irritationen oder Störungen der Kommunikation bemerkbar machen, und diese mug dann auf sich selbst reagieren; so wie ja auch der eigene Leib sich dem Bewußtsein nicht über Bewusstseinskanäle mitteilen kann, sondern nur durch Irritationen, Druck- und Belastungsgefühle, Schmerzen etc., also nur in einer fiir das Bewusstsein resonanzfähigen Weise."[16]

Bewusstseinssysteme müssen sich den gesellschaftlichen Bedingungen der Kommunikabilität fügen, ansonsten sind sie wie ein Rauschen. [17] Die Schlüsselfrage ist, wie Umweltprobleme in der gesellschaftlichen Kommunikation Resonanz finden können, wenn das Gesellschaftssystem in Funktionssysteme gegliedert ist und nur durch Funktionssysteme auf Umweltereignisse und Umweltveränderungen reagieren kann? [18]

Für die einzelnen Funktionssysteme führt Luhmann diese Problematik aus:

Wirtschaft[Bearbeiten]

Der Schlüssel des ökologischen Problems liegt, was die Wirtschaft betrifft, in der Sprache der Preise. Alles was in der Wirtschaft geschieht wird vorher durch die Sprache der Preise gefiltert. Auf Störungen, die sich nicht in dieser Sprache ausdrücken, kann die Wirtschaft nicht reagieren, aber andersherum muss jedes Problem, wenn es in der Sprache der Preise ausgedrückt ist, auch vom System Wirtschaft berücksichtigt werden. [19]

Recht[Bearbeiten]

Das Rechtssystem kommuniziert auf Basis von Recht/Unrecht - es kann keine Normen importieren, sondern sie nur aus anderen Normen ableiten. [20] Die Ordnungsvorstellungen des Rechts beziehen sich eigentlich auf gesellschaftsinterne Beziehungen (Luhmann 2004:129). Das Umweltrecht frisst sich mit neuartigen Problemstellungen in geläufige Rechtsgebiete ein.[21]

Der juristische Umweltdiskurs führt letztlich nur zu einem Schema aus Unterscheidungen zwischen Freiheitsrechten und Zwangsregulierungen, ohne dass Umwelt überhaupt vorkommt (d.h. es ist nur auf den Menschen bezogen) - man ist weit davon entfernt, Bäumen oder anderen Teilen der Natur Rechte einzuräumen.[22]

Die Willkürkomponente bei umweltbezogenen Rechtsentscheidungen nimmt laut Luhmann deutlich zu. Das wird bei Fragen danach deutlich, wie hoch Grenzwerte angesetzt werden, wie Risiko bewertet wird, welche Präferenzen gesetzt werden, wenn Kausalzusammenhänge bei Umweltproblematiken so komplex und undurchsichtig sind.[23]

Wissenschaft[Bearbeiten]

Offensichtlich ist die Gesellschaft als Ganzes weder willens noch in der Lage, das wissenschaftliche Weltbild zu übernehmen. Es ist und bleibt ein bloßes Implikat von Forschung. Was die Wissenschaft real exportiert, ist Selektionsbewusstsein und Technik: Selektionsbewustsein im Hinblick auf noch unbestimmte Rekombinationsmöglichkeiten und Technik als schon bestimmte und realisierbare. [24]

Politik[Bearbeiten]

Das politische System ist anderen Funktionssystemen gegenüber nicht übergeordnet, es kann ökologische Probleme ebenso schlecht lösen, da es nicht außerhalb des eigenen Codes handeln kann. Macht und Zwang sind keine geeigneten Mittel um das Verhältnis der Gesellschaft zu ihrer Umwelt zu verändern (Luhmann 2004:174–75). Zudem ist politische Macht territorial beschränkt, die Auswirkungen auf die Umwelt sind aber nicht territorial beschränkt.[25]

Zur Soziologie des Risikos[Bearbeiten]

Die 80er Jahre waren allgemein gesellschaftlich sowie natürlich in der akademischen Disziplin der Soziologie davon geprägt, sich infolge des Reaktorunglücks von Tschernobyl 1986, zunehmendem Klima- und Umweltbewusstsein und erwachender Protestbewegungen, mit den Auswirkungen der modernen Gesellschaft auf ihre Umwelt zu befassen. Dementsprechend ging es für die Soziologie nicht mehr nur um die Fragen sozialer Gerechtigkeit und sozialer Auswirkungen moderner Gesellschaftsstrukturen, sondern auch um die umweltbezogenen Risiken und Gefahren moderner Verhaltensweisen. Vor diesem Hintergrund verfasste Luhmann 1991 seine Soziologie des Risikos als Beitrag zur Diskussion um den von Ulrich Beck 1986 geprägten Begriff Risikogesellschaft.

Zur Definition von Risiko[Bearbeiten]

„…von Risiko spricht man nur, wenn eine Entscheidung ausgemacht werden kann, ohne die es nicht zu dem Schaden kommen könnte“ [26]

Hervorzuheben ist zunächst die explizite Abgrenzung des Luhmann’schen Risikobegriffs von rationalistischen Traditionen, bspw. ökonomischen Theorien zur Kalkulation eines künftigen Schadens. Risiko wird in diesen Theorien Unsicherheit gegenüber gestellt, es gilt Wahrscheinlichkeiten und Ausmaß zu berechnen und durch Entscheidungen zu limitieren, kurz gesagt Sicherheit bzw. nach Luhmann den Schein von Sicherheit zu erzeugen. Vor diesem Hintergrund ist der Risikobegriff im sozialen Kontext nach Luhmann von drei Aspekten geprägt:

  1. Risiko ist an Zeit, genauer gesagt an die Zukunft gebunden. Das Individuum trifft eine Entscheidung, ohne die Konsequenzen dieser wirklich absehen zu können. Die Zukunft ist immer unbekannt, selbst „die Zukunft, die man durch die eigenen Entscheidungen erzeugt.” [27] Da die Zukunft jedoch eben nur auf eine ganz bestimmte Weise Gegenwart werden kann, muss sie im Zuge der Risikoentscheidung auf eine spezifische Form gebracht werden, “die als solche nie eintreffen wird, nämlich die Form wahrscheinlich/unwahrscheinlich.”[28] Prinzipiell kann dabei jede Entscheidung unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen, was zum zweiten Aspekt führt.
  1. Mit Risiko ist ein potentieller Schaden verknüpft. Der Risikobegriff ist gemeinhin negativ besetzt, aber Luhmann stellt klar, dass es durch eine Entscheidung “zu einem künftigen Schaden kommen [kann] - oder auch nicht.”[29] Ob das Schadensereignis eintritt ist ungewiss. Gewiss - im Sinne der Luhmann’schen Begriffsbestimmung - ist lediglich, dass die Beobachter*innen (Luhmann verwendet lediglich die Form Maskulin Singular) wissen werden, was der Fall ist.
  1. Somit muss das Risiko beobachtbar sein. Beobachter*innen sind hier im Kontext der Luhmann’schen Systemtheorie zu verstehen. So kann das beobachtende System zum Zeitpunkt der Beobachtung lediglich eine Seite bzw. Operation beobachten, niemals beide Seiten der binären Unterscheidung, also der zugrunde liegenden Kategorien des Systems zugleich. Vereinfacht gesprochen: “Zukünftiges lässt sich nicht beobachten.” [30] Erst in einem zweiten Schritt können das System oder Externe eine Beobachtung anstellen, genauer gesagt, eine Beobachtung der ersten Beobachtung zum Zeitpunkt der Entscheidung. Durch diese Beobachtung kann dann die entscheidende Verbindung ausgemacht werden, durch die das Risiko zum Risiko wird, d.h. es wird eine Entscheidung erkannt, ohne die es nicht zu einem möglichen entsprechenden Schaden kommen könnte. Aus diesem “Phänomen mehrfacher Kontingenz“ [31] heraus ergibt es sich auch, dass Beobachter*innen in ihren Ansichten divergieren können, also eben in ihrer Meinung darüber, ob Entscheidung und Schaden miteinander zusammenhängen bzw. es sich tatsächlich um ein Risiko handelt. Ein Risiko ist also nicht einfach, sondern ist abhängig von der Beurteilung der Beobachter*innen zweiter Ordnung.

Nun liegt es auf der Hand, dass mit jeder Entscheidung ein Schaden verbunden sein kann, dass Schaden immer möglich ist, es also immer Beobachter*innen geben kann, die ‘Risiko’ attestieren. Entsprechend stellt Luhmann fest, dass es „kein risikofreies Verhalten [... gibt, denn] selbstverständlich ist in der modernen Welt auch das Nichtentscheiden eine Entscheidung.“ [32] Luhmann erklärt in Abgrenzung zu Beck hier auch, dass die Bezeichnung Risikogesellschaft lediglich dahingehend zutreffend ist, als da es nicht um das Ausmaß der in der Moderne geschaffenen Bedrohungen geht [33], sondern darum, dass die moderne Gesellschaft auf die Zukunft ausgerichtet und mit einer ständigen Ungewissheit konfrontiert ist.


Die Unterscheidung Risiko / Gefahr[Bearbeiten]

Vor dem Hintergrund der Begriffsdefinition lässt sich nun nachvollziehen, weshalb Luhmann die populäre Unterscheidung Risiko / Sicherheit als zwei Gegenbegriffe für unzureichend hält bzw. „der Sicherheitsbegriff eine soziale Fiktion bezeichnet.“ (Luhmann 1991: 28) Luhmann betont, dass „… wenn man Risiken in den Blick zieht, [...] jede Variante eines Entscheidungsrepertoires, also die gesamte Alternative riskant [ist], und sei es nur mit dem Risiko, erkennbare Chancen nicht wahrzunehmen, die sich möglicherweise als vorteilhaft erweisen werden.“ [34] Der Sicherheitsbegriff ist für Luhmann also eine Illusion und entlang den Linien seiner Begriffsdefinition, genauer gesagt in Bezug auf die Verknüpfung von Schaden und Entscheidung im Luhmann’schen Sinne des Risikobegriffs, wählt er ‘Gefahr’ als Gegenpol zu ‘Risiko’. Diese Unterscheidung setze voraus, so Luhmann, „daß in Bezug auf künftige Schäden Unsicherheit besteht.” [35] So ergeben sich zwei Optionen: Entweder wird der Schaden der Entscheidung zugerechnet - dann spricht man von Risiko - oder aber der Schaden wird als extern veranlagt gesehen, also der Umwelt zugerechnet - dann spricht man von Gefahr. Wenn der Schaden also nicht mit den Operationen des Systems von Beobachter*innen verknüpft wird, kann nicht von Risiko die Rede sein, sondern nur von Gefahr. Dabei wird die Gefahr als unberechenbar angesehen, da weder den Beobachter*innen noch dem System selbst eine Entscheidung bekannt wäre, die die Gefahr vermeiden könnte. Auf diese Weise verdeutlicht der Begriff Gefahr, dass eine Entscheidung letztendlich immer ‘riskant’ ist, auch wenn sich das operierende System oder Beobachter*innen dessen nicht bewusst sind.


Problem der Zurechenbarkeit am Beispiel ökologischer Schäden[Bearbeiten]

„Gerade bei ökologisch vermittelten Schäden ist das Überschreiten einer Schwelle, eine irreversible Veränderung ökologischer Gleichgewichte oder der Eintritt einer Katastrophe oft gar nicht auf Einzelentscheidungen zurechenbar. […] Es gibt […] in der Akkumulation von Entscheidungseffekten, in Langzeitauswirkungen nicht mehr identifizierbarer Entscheidungen, in überkomplexen und nicht mehr tracierbaren Kausalverhältnissen Bedingungen, die erhebliche Schäden auslösen können, ohne auf Entscheidung zurechenbar zu sein, obwohl klar ist, daß es ohne Entscheidungen nicht zu solchen Schäden hätte kommen können.“ [36]

Auch wenn letztlich jede Entscheidung ob der Ungewissheit der Zukunft Gefahren birgt, lässt sich nach Luhmann nur auf zurechenbare Entscheidungen der Begriff Risiko anwenden. Diese Zurechnung kann aber auch externe Beobachter*innen vorgenommen werden und so könnte jede Entscheidung auch mit Risiko in Verbindung gebracht werden, da man “Im Prinzip [...] jeden Schaden durch Entscheidung vermeiden [könnte] [37], insbesondere dann, wenn man Schaden auch ausbleibende Vorzüge beschreibt. “Es gibt kein risikofreies Verhalten” (Luhmann 1991: 37), konstatiert Luhmann. Gleichwohl erkennt er das Problem, dass komplexe und vielseitige Entscheidungslagen in Sozialdimensionen, d.h. im Kommunikationsprozess, bei der sich alle Beteiligten gegenseitig gleichzeitig als Ego und Alter wahrnehmen, und in der Zeitdimension, also dem “Generieren von Strukturen im autopoietischen Prozeß der laufenden Selbsterneuerung des Systems” [38], dazu führen, dass Gefahren bzw. Schäden nur noch schwer einzelnen Entscheidungen zugerechnet werden können, es aber gleichsam immer Entscheider und Betroffene gibt. Entscheidungen erzeugen sozusagen Betroffene per se, wobei Luhmann feststellt, dass “Mehr und mehr [...] Betroffenheit zur Frage der sozialen Definition” [39] wird. Wenn nun alle Entscheidungen bei “entsprechend entwickelter Zurechnungsempfindlichkeit” [40] riskant sind und sich Risiken nicht mehr nur sozial abgegrenzten Kategorien zuordnen lassen, dann wird “das Risiko des einen [... zur] Gefahr für den anderen.” [41] Dieser Umstand äußert sich bspw. in den ökologischen Gefahren, die in einer Weltgesellschaft mit globaler Kommunikation einen universellen Charakter angenommen haben. Gleichsam muss damit gerechnet werden, “daß die moderne Gesellschaft zu viel auf Entscheidungen zurechnet und dies auch dort tut, wo der Entscheider (Person oder Organisation) gar nicht identifiziert werden kann.” [42] Für die Problematik, dass die Risiken der Entscheider, andere mitunter zu unvorhersehbar Betroffenen macht, während in komplexen Problemlagen Entscheider nicht mehr konkret ermittelt werden können, findet Luhmann keine abschließende Lösung, fordert aber, dass wir “mit neuen Formen der sozialen Regulierung von Risikoverhalten experimentieren [müssen.]” Denn es stehe fest, “daß es nicht möglich sein wird, dafür auf die alte Vertrauensethik zurückzugreifen, also Vertrauen zu verlangen und zugleich Vorsicht und Umsicht beim Erweis von Vertrauen.” [43]


Anwendungsbeispiel Covid-19 Pandemie[Bearbeiten]

Der Risikobegriff im Luhmann’schen Sinne macht deutlich, dass es einen Zusammenhang zwischen den Operationen gesellschaftlicher Systeme und der Gefahr einer Pandemie geben muss, selbst wenn die Akteur*innen bzw. Beobachter*innen die verantwortlichen Entscheidungen nicht ausgemacht haben. Es gibt eben kein risikofreies Verhalten nach Luhmann. Tatsächlich finden sich Hinweise auf Kausalzusammenhänge zwischen dem Auftreten neuer Viren und menschlichem Verhalten. Das immer weiter voranschreitende Vorrücken des Menschen in natürliche Lebensräume, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, Entwaldung und das rasante Wachstum von Großstädten, hat in den letzten Jahrzehnten immer neue Krankheiten auf den Plan gebracht, in immer kürzeren Intervallen. [44] Genauso ließe sich anführen, dass die Reduktion von Krankenhausbetten zum Ausmaß der gegenwärtigen Pandemie beigetragen hat.[45] Außerdem besteht in der Wissenschaft Einigkeit darüber, dass die Globalisierung als Phänomen und soziale Realität selbst Risiken hervorbringt.[46] Die Liste ließe sich fortsetzen und so ließe sich vermuten, dass diese Vielzahl an Entscheidungen, die die Welt in die gegenwärtige Krise geführt haben, sich des Risikos nicht bewusst waren und nun, da die Verbindungen herausgearbeitet wurden, entsprechend zur Risikominimierung angepasst werden. Gleichwohl besteht das Problem, dass es die Summe von vielen einzelnen Entscheidungen ist, die dazu führen, dass die Weltgesellschaft der Gefahr von Pandemien in zunehmendem Maße ausgesetzt ist. So bleibt es anzuzweifeln, dass tatsächlich die entscheidenden Schrauben gedreht werden, zumal da die verschiedenen Systeme auf unterschiedliche Weise die Erkenntnisse des Frühjahrs 2020 in ihre Logik übersetzen. So spielen bspw. im politischen Diskurs wissenschaftliche Erkenntnisse eine untergeordnete Rolle. Impf- wie Quarantänegegner*innen hören bzw. Vertrauen nicht auf das Robert-Koch-Institut. Systeme sind blind gegenüber ihren eigenen Problemen und nehmen Reize aus der Umwelt nur in dem Maße wahr, in dem sie die eigene Logik betreffen. Für einen grundlegenden Wandel bräuchte es einen grundlegenden Bruch mit den alten Systemen.

Quellen[Bearbeiten]

  1. Luhmann, Niklas. Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt a.M. 1997; zitiert in Schäfers, Bernhard. Einführung in die Soziologie. Wiesbaden 2013: 215f.
  2. Schäfers 2013: 214ff., Stichweh, Rudolf. Niklas Luhmann: Der Theoretiker der Gesellschaft. Niklas-Luhmann-Archiv 2019. URL: https://niklas-luhmann-archiv.de/person/person-und-werk. Aufgerufen am: 9.6.2020.
  3. Pries, Ludger. Soziologie. Schlüsselbegriffe, Herangehensweisen, Perspektiven. Basel 2014: 140.
  4. vgl. Schäfers 2013: 220
  5. Scherr, Albert. Kommunikation. In: Kopp, Johannes / Steinbach, Anja (Hrsg.). Grundbegriffe der Soziologie. Wiesbaden 2018: 233.
  6. Beck, Urlich. Risikogesellschaft. Frankfurt a.M. 1986.
  7. Luhmann, Niklas. Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? 4. Aufl., Wiesbaden 2004:11.
  8. Luhmann 2004:12.
  9. Luhmann 2004:11.
  10. Luhmann 2004:19.
  11. Luhmann 2004:20
  12. Luhmann 2004:13.
  13. Luhmann 2004:23.
  14. Luhmann 2004:64–65.
  15. Luhmann 2004:63
  16. Luhmann 2004:63.
  17. Luhmann 2004:65
  18. Luhmann 2004:75
  19. Luhmann 2004:122
  20. Luhmann 2004:126.
  21. Luhmann 2004:131.
  22. Luhmann 2004:132–33.
  23. Luhmann 2004:133.
  24. Luhmann 2004:165.
  25. Luhmann 2004:179.
  26. Luhmann, Niklas. Soziologie des Risikos. Berlin 1991: 25.
  27. Luhmann 1991: 21.
  28. Luhmann 1991: 81
  29. Luhmann 1991: 25.
  30. Luhmann 1991: 83
  31. Luhmann 1991: 25.
  32. Luhmann 1991: 37
  33. Beck 1986.
  34. Luhmann 1991: 30.
  35. Luhmann 1991: 30.
  36. Luhmann 1991: 35.
  37. Luhmann 1991:36.
  38. Luhmann 1991: 61.
  39. Luhmann 1991: 116.
  40. Luhmann 1991: 118.
  41. Luhmann 1991: 119.
  42. Luhmann 1991: 130.
  43. Luhmann 1991: 134.
  44. Shah, Sonia. Accelerating habitat loss behind Covid-19. The microbes, the animals and us. Le Monde diplomatique. März 2020.
  45. Cf. Lambert, Renaud. Rimbert, Pierre. The unequal cost of coronavirus. Le Monde diplomatique, April 2020
  46. Eriksen, Thomas Hylland. Globalization. The Key Concepts. Oxford 2014: 133ff.